Oh Gott – ist das peinlich. Es ist dringend nötig, dass die Gegner der Sperren etwas Rhetorik lernen. Was da derzeit abgeht, ist blamabel.
Wir nehmen hier das Interview Franziska Heine und Zensursula auseinander. Franziska hat sich wacker geschlagen und ist eine mutige Frau. Aber bei den PR Strategien von Zensursula geht sie ziemlich unter. Diese Strategien sollen ein wenig analysiert werden – damit es demnächst besser läuft. Damit ich mit der Zeit nicht Ärger wegen Copyright bekomme, gebe ich Verweise mit jeweils der ersten Zeile des Textes. Mich interessiert, wie die Politikerin argumentiert und wie man daraus für die Zukunft lernen kann.
Absatz: von der Leyen: Die genaue Recherche zeigt, dass…
Strategie-Muster: Jetzt kommen mal Fakten. Unterton: Sie haben ja keine Ahnung, ich bin der Spezialist, in Wirklichkeit ist es ja ganz anders und ich sage Ihnen jetzt wie.
Strategie-Muster: Vereinfachung und simple Behauptung Ein Argument geben, das auf ersten Blick völlig richtig und ganz einleuchtend klingt und bei dem man lange nachdenken muß, um Fehlargumentation zu verstehen. Und zwar: Am Schluß des Absatzes: dass Recht in der realen Welt genauso selbstverständlich gilt … Und: Franziska akzeptiert die Argumentation ganz selbstverständlich, gibt Zensursula sogar nocht recht und gibt ihr die Chance, selber das Folgethema zu bestimmen! Sie könnte hier aber auf zwei Arten nachlegen, daher mal Vorschläge, wie man hier hätte antworten können:
Strategie-Muster: Umkehren und angreifen. Die Argumentationslinie des Gegenüber aufgreifen und umdrehen, den Gegner dadurch in die Defensive bringen und selber das Thema des Gesprächs zu diktieren. Im Beispiel wäre das etwa: Die virtuelle Welt heißt eben virtuelle Welt, weil sie anders ist als die reale Welt. Sie braucht andere Gesetze. Dazu muß man sich aber auch in der virtuellen Welt auskennen und sie nicht einfach über denselben Kamm scheren, wie die reale Welt. Das sagt ja auch das Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, dass das Gesetz für das Internet nicht wirklich passt. Dafür ist es aber notwendig, dass man seinem eigenen wissenschaftlichen Dienst und den Fachleuten etwas besser zuhört, statt sie als unterirdisch oder pädophil zu diffamieren.
Strategie-Muster: Aufgreifen, verstärken und vorteilhaft anwenden. Die Argumentationslinie des Gegenübers aufgreifen, sie verstärken (ja, stimmt, Sie haben recht) – und dann aber auf einen Fall anwenden, den der Gegner so nicht beabsichtigt hat. Im Beispiel wäre das etwa: Ja, das sehen wir genau so. In der virtuellen Welt soll das Recht genau so gelten, wie in der realen Welt. Stimmt. Und genau deshalb fordern wir ja auch, dass es für die virtuelle Welt nicht Sonderrechte gibt. Das Grundgesetz – Zensur findet nicht statt – hat daher in der virtuellen Welt auch Gültigkeit zu haben. Und wir gehen noch weiter: In der virtuellen Welt, im Internet sollen endlich auch jene Bürgerrechte gelten, die in der realen Welt selbstverständlich sind. In der realen Welt darf mich der Staat auch nicht dauernd bespitzeln und aufschreiben, an welcher Ecke wir mit wem reden. Wir fordern daher – wie Sie ja auch – die Rücknahme der Vorratsdatenspeicherung und die Einführung der Bürgerrechte im Internet. So. Patsch. Jetzt muß Zensursula erstmal nachdenken. Im Gespräch mit Franziska aber bekommt sie die Chance zu einem Nachschlag.
von der Leyen: Wer die Stoppseite zu umgehen versucht…
Strategie-Muster: Vereinfachung und simple Behauptung. Gleich wie oben. Hier kann man wieder mit Umkehren und angreifen reagieren. Etwa so: Sie behaupten hier etwas, das so nicht stimmt. In allen Ländern, in denen Erfahrungen mit Zensurmaßnahmen bestehen, ist bekannt, dass auch andere Seiten auf den Zensurlisten landen. Da werden dann Zahnärzte zensuriert oder politische Gegner.
Strategie-Muster: Aufs Glatteis führen. Themen anschneiden, auf denen sich der Gegner nicht auskennt. Dadurch den Gegner bloßstellen und sich selber als Experte positionieren. Man könnte also etwa so antworten: Das sagen Sie. Ihre Fachleute sagen, dass das nicht stimmt. Wenn jemand einen Read-Ahead Browser wie den Fasterfox einsetzt oder einen Bot einsetzt, oder ein wget, also ganz normale Programme im Internet, dann kann das auch geschehen und der Betreffende wird dann verdächtigt, Kinderpornographie zu suchen. Wir wollen kein Gesetzt, das zu solchen falschen Verdächtigungen führt.
Strategie-Fehler: Offene Fragen stellen. Leider begeht Franziska nun diesen Fehler – und zwar gleich mehrfach. Sie fragt offen nach (mich interessiert, wo die Quellen sind…, ich würde nur gern wissen, woher…). Dadurch macht sie es dem Gegenüber ganz einfach, Antworten zu geben (und sich als Experte darzustellen), den weiteren Verlauf des Gesprächs zu beeinflussen, und zum Ende des Votums selber einen neuen Angriff zu lancieren. Wir wissen doch – spätestens aus der Beantwortung in der Fragestunde der Regierung – dass es da nicht wirklich belastbare Quellen gibt. Und im schlimmsten Fall hat sich das Gegenüber mittlerweile Quellen besorgt (oder behauptet einfach mal Quellen) – und dann steht man wieder dumm da.
Heine: Das sagt niemand…
Strategie-Fehler: Glauben, dass die Fakten für sich sprechen. Franziska gibt am Ende dieses Absatzes Fakten. Nur, wer weiterdenkt, merkt die Ungeheuerlichkeit dieser Fakten. Diese muß man aber herausarbeiten. Etwa so: Wenn es uns gelingt, diese Seiten aus dem Netz zu entfernen, warum machen dann die Behörden das nicht? Warum führt man ein Gesetz ein, das offenkundig Grundgesetz-widrig ist – das werden wir vor dem BGH auch noch nachweisen – wenn es auch durch ein anderes, verhältnismäßigeres Mittel geht?
Heine: Das ist klar. Aber wenn…
Strategie-Fehler: Recht geben. Ja, aber… Natürlich hat das Gegenüber auch mal recht. Aber mit dieser Wendung bringt man sich ohne Not in eine völlig defensive Position, in ein trotzig kleinkindhaftes Ja, aber…
Strategie-Fehler: Wo harte Fakten existieren, weich formulieren. Natürlich kann ein Gesetz auch einmal missbraucht werden. Oder kann eben nicht. Warum so vorsichtig? Die Geschichte gibt hier doch eine gute Basis her: Wir haben in Deutschland in 80 Jahren 2 Diktaturen gehabt. Das Gesetz für Internet-Zensur bereitet jetzt und heute die Grundlagen für die dritte Diktatur vor. Da tauscht man dann zwei, drei Zeilen im Filter-Programm aus, schreibt die Zugangsdaten mit, wobei, das tun wir mit Vorratsdatenspeicherung ja ohnedies, und dann wissen Stasi und Gestapo, wo sie am frühen Morgen vorfahren müssen und wen sie mitnehmen müssen. Die Voraussetzungen dazu werden durch dieses Gesetz geschaffen.
Heine: Stimmt nicht.
Strategie-Muster: Direkter Angriff. Das Gegenüber direkt angreifen und dadurch das Thema diktieren. Schön gemacht, Franziska. Der Erfolg wird auch sofort sichtbar: Zensursula geht darauf ein, verteidigt sich und kommt nicht in die Lage,
selber einen Angriff zu fahren. Und auch in den folgenden 2, 3 Absätzen bleibt das auch so. Zensursula agiert defensiv, aber nur so lange, bis Franziska eine Frage stellt. Das nutzt Zensursula für eine lange Antwort (sie wurde ja gefragt…) und kann dadurch wieder ihre eigenen Themen einbringen.
von der Leyen: Das ist ein Killerargument
Strategie-Muster: Einen Separator setzen. Wenn der Gegner etwas sagt, wo man selber in ganz große Schwierigkeiten kommen könnte, dann muß man mit allen mitteln versuchen, den Gegner von seinem Plan abzubringen. Der Satz “Das ist ein Killerargument” ist ein solcher. Franziska kommt offenbar ins Grübeln…was genau meint sie…wie kann ich jetzt antworten…und in diese Leere hinein stellt die Zeit eine neue Frage. Zensursula ist gerettet.
Strategie-Muster: Ignorieren. Am einfachsten: Wiederholen. Man geht einfach völlig über das hinweg, was der andere gesagt hat. Man tut so, als ob das nicht gesagt wurde. In unserem Beispiel: Genau das macht Zensursula. Sie geht überhaupt nicht darauf ein, was Franziska gesagt hat. Und setzt einen Separator. Die beste Reaktion auf einen Separator ist Ignorieren. Dadurch kommt man erst gar nicht ins Grübeln und Nachdenken. Die einfachste Variante des Ignorierens ist das Wiederholen. Man sagt einfach nochmal das, was man zuletzt gesagt hat. Vielleicht mit anderen Worten.
Ab jetzt geht es schief. Zensursula sagt dies und das und Franziska bringt fast nur mehr Halbsätze.
Politik ist leider ein sehr schmutziges Geschäft und es ist hoch anzurechnen, dass die Gegner der Zensur nicht in dieselbe schmutzige Trickkiste greifen, wie es sehr viele Politiker tun. Aber: Es geht hier auch darum, andere von etwas zu überzeugen. Der Zweck heiligt die Mittel natürlich nicht. Mit heiligen Mitteln den zweck nicht erreichen ist aber auch nicht so prickelnd.